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Die Balance der Gefühle - Zu den Arbeiten von Gabriele Sädler
von Siegfried Gohr

Was heißt es, wenn ein Kunstwerk mit dem Begriff "abstrakt" charakterisiert wird? In den wenigsten Fällen bedeutet ein solches Beiwort das völlige Verschwinden des Gegenstands. Selbst in den gegenstandslosen Kompositionen von Kasimir Malewitsch suggerieren die fliegenden Formen einen Raum, der von farbigen Objekten besiedelt ist. Oder im Falle von Piet Mondrian lassen nur die sogenannten Diamant-Bilder, also die auf eine Spitze gestellten Quadrate, jeden Bezug zur Vertikalen und Horizontalen hinter sich. Ansonsten erinnern seine abstrakten Gitter, in welche blaue, rote oder gelbe Bausteine eingefügt sind, an Architektonisches im weitesten Sinne. Während in der geometrischen Abstraktion meistens eine gesellschaftlich-utopische Dimension mitgedacht wurde. zielte Wassiliy Kandinskys Abstraktion eher auf "Lyrisches". Und ihre Nähe zur Musik wurde oft als poetisch empfunden -was immer das im einzelnen Falle heißen mag.

Schon die wenigen hier aufgeführten Beispiele lassen erkennen, wie wenig einheitlich dasjenige erscheint, was als abstrakt bezeichnet wird. Paul Klee oder Hans Arp fügten neue Facetten aus dem Bereich des Organischen hinzu, bald entstand Abstraktes aus der Gestik des Künstlers, z. B. bei Wols oder seinen amerikanischen Zeitgenossen Pollock, de Koonig und Joan Mitchell.

Wenn Gabriele Sädler ihre Kompositionen schafft, hat sie das ganze Repertoire, das während hundert Jahren Abstraktion entstand, zur Verfügung, kann es benutzen, umgehen oder verfremden; kann sich eigene neue Formen erfinden in völliger Willkür von historischen Zwängen und vor allem kann sie ungeahnte neue Kombinationen aus dem Spektrum der Farben hervorlocken. Alles dies tut sie und sie erreicht es, eine abstrakte Bildwelt zu entwerfen, die einem individuellen Impuls folgt. Diese Abstraktion ist nicht an Programme und Debatten gebunden, sondern an bedächtige, manchmal behutsame,  oft spielerische  Gesten.  Wenn  in  den Kompositionen, die sich grundsätzlich auf der gegebenen Fläche entwickeln und Raum nur durch die Farben erzeugen, Ordnungen entstehen,  dann  meistens aus eigentlich widerstrebigen Elementen.

Man möchte die Ereignisse, die sich trotz der abstrakten Sprache verfolgen lassen, am ehesten als Begegnungen charakterisieren. Dann werden alle Variationen sichtbar, die sich auch im menschlichen Bereich verfolgen lassen. Zarte Berührungen, heftige Konfrontation, Irrungen und Wirrungen, schwebende Zustände oder leidenschaftlicher Austausch  lassen  sich  erkennen.  Oft  erinnern  die Konstellationen  an  den  Mikrokosmos,  manchmal  an Landschaften, das eine oder andere Mal scheint ein Spiel aufgeführt zu werden, dessen Regeln vergessen wurden oder vielleicht noch nicht existieren und von der Künstlerin erprobt wurden.
Sie bevorzugt für ihre Szenarien meistens helle Klänge, aber wenn sie sonore tiefe Töne verwendet, stellt sich eher ein Gefühl von Dichte und Zufriedenheit ein, als dasjenige von Tragik oder Trauer. Die glücklichen Momente überwiegen, wenn sich das Spontane des Spiels und die Abstraktion in einer Konfiguration treffen, die sich in einem harmonischen Gleichgewicht befinden.

Das dieses nicht mit leichter Hand erworben wurde, sondern nach Überwindung der Brüchigkeit und des zerstörerischen Zufalls, der sich im Spiel einstellen kann, macht die genussreiche Spannung der Bildwelt von Gabriele Sädler aus.

 

 

 

Siegfried Gohr (* 1947) ist ein deutscher Kunsthistoriker, Kurator und freier Publizist.